"Forever Young" von Valeria Bruni Tedeschi: Der eigene Abgrund (2024)

In ihrem Film "Forever Young" erzählt die Regisseurin Valeria Bruni Tedeschi von ihren wilden Anfängen als Schauspielschülerin.

Eine Rezension von Katja Nicodemus

Aus der ZEIT Nr.35/2023

Veröffentlicht am
Erschienen in DIE ZEIT Nr.35/2023

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Schon bei der Aufnahmeprüfung wird klar: Hier geht es um alles. Um den Mut zum Exhibitionismus und um das eigene Verschwinden in der Verwandlung, um Ausschweifung und Kontrolle, um die Theaterbühne als Schule des Lebens. Wie diese Bretter zu einem Ort werden, der immer wieder neu und anders die Welt bedeuten kann, davon erzählt Valeria Bruni Tedeschis autobiografischer Film Forever Young auf unbändige, traurige, heitere Weise.

Mitte der Achtzigerjahre besuchte Bruni Tedeschi die Schauspielschule des Théâtre des Amandiers im Pariser Vorort Nanterre. Für angehende Theaterleute war es ein Sehnsuchtsort, the place to be. Ein in alle Richtungen offenes Theaterexperiment, geleitet von dem Regiestar Patrice Chéreau.

Im Film wird allen Bewerbern zu Beginn dieselbe Frage gestellt: Weshalb willst du Theater spielen? Weil sie die Worte der anderen sprechen wolle, um nicht in den eigenen Abgrund zu fallen, ist eine der Antworten. Forever Young kreist um diesen Abgrund oder Riss, der bei allen Figuren spürbar ist. Er zeigt junge Menschen, die ein gemeinsames Abenteuer erleben, mit Blick auf die Bühne, auf der jeder allein ist. Es ist eine Therapie ohne Therapeuten. Eine Klassenfahrt, die an einem Ort bleibt. Für manche führt sie über sich selbst hinaus, für andere ins eigene Seelendunkel. Gemeinsam mit Bruni Tedeschis Alter Ego Stella (Nadia Tereszkiewicz) und ihrer Klasse stürzt sich die Kamera in dieses Erfahrungslabor, in die Theaterarbeit. Es ist ein Sturz in eine andere Zeit, in die reine Gegenwärtigkeit des eigenen Erlebens. Genau darin liegt die Faszination dieses Films, seiner durchlässig und draufgängerisch spielenden Darstellerinnen und Darsteller.

Bruni Tedeschis Verweigerung eines Filters, einer rückblickenden Distanz zeigt sich vor allem bei der Darstellung von Patrice Chéreau. Louis Garrel spielt ihn als sensiblen Diktator. Folgt die Kamera sonst den Körpern und Bewegungen der Figuren, verharrt sie in seinen Szenen mit statischer Faszination. Bei seinem ersten Auftritt sieht man Chéreau, damals einer der bedeutendsten Bühnenkünstler Europas, nur von hinten: Im dunklen Foyer tauscht er abends eine Glühbirne aus. Ein genialischer Theaterhausmeister, der weiß, dass es auf jedes Bühnenschräubchen ankommt. "Ich kann nicht demokratisch mit euch sein", sagt er vor der ersten Leseprobe von Anton Tschechows Jugendwerk Platonow. Mal hat er autoritäre Ausraster an der Grenze zur Lächerlichkeit, dann wieder gießt er den Exhibitionismus seiner Eleven auf kluge Weise in eine Form. Valeria Bruni Tedeschi stellt den Künstler nicht in den neokritischen Diskurs über Genies und Despoten. Sie zeigt, wie es war.

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Und sie zeigt, was sie noch erlebt hat: erste Auftritte, Flirts, beginnende Freundschaften. Die unbedarfte Stella mit superreichem Hintergrund (Bruni Tedeschi stammt aus einer italienischen Industriellenfamilie) verliebt sich in Etienne, für den die Schauspielerei auch soziale Aufstiegschance ist. Ihre beste Freundin wird die abgebrüht-lebenskluge Adèle, die nichts auslässt. Und doch scheint den Figuren in Forever Young ihre Jugend zu entgleiten, noch während sie sie mit aller Leidenschaft zu leben versuchen. Aids hängt plötzlich wie ein Schatten über der fröhlich promisken Clique. Stellas Herkunft führt zu einem Helfersyndrom gegenüber ihrem heroinabhängigen Geliebten (der damalige Freund der Regisseurin starb an einer Überdosis). Etienne wiederum schwankt zwischen der Euphorie des Liebenden und unkontrollierten Gewaltausbrüchen. Sofiane Bennacer, der Darsteller der Figur, wurde während des französischen Kinostarts zum Zentrum eines MeToo-Skandals: Mehrere Frauen bezichtigten ihn, in den Jahren 2018 und 2019 sexuelle Gewalttaten begangen zu haben, was er vehement bestreitet. Die juristische Klärung der Vorwürfe steht noch aus.

Mit autobiografisch mitfühlendem Blick zeigt Bruni Tedeschi die Abhängigkeit auf und jenseits der Bühne. Grenzen verwischen, Ebenen überlagern sich. Die Rollenvergabe wirkt als Zuteilung von Aufmerksamkeit auch im Leben. Wer hat den großen Auftritt, wer schlurft als stumme Alte über die Bühne? Was heißt es, wenn für eine Hauptrolle "der ganze Einsatz" gefordert wird? Wie frei ist die Theaterutopie von der Lust an der Macht?

Ansonsten wird Synthpop und das Duo Les Rita Mitsouko gehört, viel geküsst und viel geraucht, fast ununterbrochen. In ihrer ersten Aufführung verleihen die jungen Darsteller Tschechows Figuren eine unendliche Melancholie. Paris, angeblich die Stadt der Liebenden, ist fast nicht zu sehen, da ist nur dieses Theater am Stadtrand mit seiner Glasfassade und den roten, etwas plumpen Achtzigerjahre-Metallstreben. Unwirklich klein wirkt die Eingangstür, an der nach der Aufnahmeprüfung die Namen der Auserwählten hängen.

"Forever Young" von Valeria Bruni Tedeschi: Der eigene Abgrund (2024)
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